Die wichtigsten Aspekte und Facetten der österreichischen Literatur und Kultur der Zwischenkriegszeit (1918 bis 1934) scheinen durch Einzelstudien bereits hinreichend erschlossen: Nicht wenige Autoren sind im >Kanon< prominent situiert (z.B. Broch, Kraus, Musil, Roth oder St. Zweig) oder kamen bzw. kommen durch Neuauflagen und Wiederentdeckungen wieder ins Gespräch (Perutz, Hartwig, Müller z.B.).
Nichtsdestotrotz bleibt das Gesamtbild der Epoche im Vergleich zur >Literatur der Weimarer Republik< nach wie vor merkwürdig diffus und unscharf. Insbesondere sind dabei in ‚repräsentativen' Darstellungen (Literaturgeschichten, Arbeitsbücher, Textanthologien) die z. T. intensiven Beziehungen zwischen den literarischen Zentren Berlin-Wien-Prag, die Rezeption der europäischen Avantgarde sowie die produktive Rezeption und Integration neuer Medien und transliterarischer künstlerischer Ausdrucksformen (Musik, Malerei z. B.) zugunsten einer Fortschreibung von Kontinuitäten der Fin de Siècle-Moderne und einer habsburgmythischen Perspektivierung vernachlässigt worden.
Ausgehend von bestehenden Epochenprofilen bzw. –skizzen (Achberger, Schmidt-Dengler u.a.) zielt das Projekt auf eine kritische Vermessung und Neufiguration des literarischen wie kulturellen Feldes der 1920er Jahre. Diese werden dabei letztlich weiter gefasst, d. h. schließen die Umbruchsjahre 1918 / 19 ebenso ein wie die frühen dreißiger Jahre bis 1933 / 34, eine Zäsur auch für die österreichische Kultur / Geschichte. Im Anschluss an die kulturwissenschaftlichen Inputs der letzten Jahre werden dabei neben dem anerkannten AutorInnen- und Textspektrum verstärkt nicht-kanonisierte Texte, feuilletonistische Beiträge sowie Manifestationen der Populärkultur in den Blick genommen. Als Beispiele hierfür seien Verbindungen zwischen Musik, Theater, Varieté und Literatur, Arbeitswelt und Freizeit oder medienkulturelle Veränderungen angeführt; besonderes Augenmerk soll auch der Mobilität der AutorInnen und kulturellen Diskurse zwischen den deutschsprachigen Zentren Wien – Prag – Berlin / Frankfurt gewidmet werden.
Somit wird Literatur nicht nur in außerliterarische Diskurse eingebettet, sondern auch als Medium kultureller Debatten fassbar – mit dem Ziel, epochenspezifische, „habituelle“ (im Sinne von H. Lethen) Aspekte herauszuarbeiten.