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Protest in Bewegung

Es vergeht kein Tag, an dem nicht über Proteste berichtet wird. Der Aufruf nach Veränderung bestehender Systeme – seien es politische oder Finanz systeme – wird immer lauter. Massenpro teste in arabischen Ländern oder die „Occupy-Bewegung“ sind Ausdruck herrschender Unzufriedenheit. Angesichts dieser Ereignisse widmet sich das interfakultäre Forschungsnetzwerk „Kultur und Konflikt“ diesem Thema: Ein Team aus Wissenschaft lerInnen und ExpertInnen aus den verschiedensten Disziplinen bietet ein Ring-Seminar unter dem Titel „Protest“ im Winter - semes ter an. UNIsono sprach mit dem Koordinator, dem Sozialpsychologen Jacob Guggenheimer, und der Slawistin Cristina Beretta über ihre Sichtweisen zum Phänomen, welche Bedeutung Protestbewegungen haben und ob Systeme verändert werden können.

 

Protestbewegungen nehmen an Bedeutung zu. Worauf ist das zurückzuführen?

 

Cristina Beretta: Banal gesprochen: Darauf, dass manches auf dieser schönen, neuen/alten Welt nicht stimmt und dass offensichtlich einige bzw. viele – je nach Land – dies erkennen. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob Protestbewegungen an Bedeutung zunehmen; es ist schließlich eine Frage von Zeit und Raum: gestern hier, heute dort, morgen woanders.

Jacob Guggenheimer: Menschen protestieren ja nicht automatisch, sobald es ihnen schlecht geht. Sondern sie protestieren gegen Zustände im System, weil sie annehmen, etwas verändern zu können. Dabei ist das Bewusstsein wichtig, dass es immer auch Alternativen zum status-quo gibt, selbst dann, wenn man sie noch nicht benennen kann, weil man sie noch nicht kennt. Wir Menschen protestieren, weil wir es einfach anders haben wollen als es ist. Das ist das Wesen von der Forderung nach politischer Mitsprache.

 

Wann haben Protestbewegungen Erfolg?

 

Jacob Guggenheimer: Menschen, die demonstrieren, wollen etwas bewegen. Ziel einer revolutionären Bewegung ist es, Systemwechsel herbeizuführen. Diese können aber nur dann erfolgreich sein, wenn sich eine Mehrheit findet, die bereit ist, sich auf Veränderungen einzulassen. Westliche Regierungen greifen diesen Veränderungswunsch nicht auf. Sie sehen sich kaum noch als Reformer, sondern sehen ihre Aufgabe in erster Linie darin, bestehende Strukturen zu erhalten und zu bremsen. Anstatt das Bankensystem zu reformieren, werden Banker in Regierungsämter gehievt, um Staaten für das Bankensystem kompatibel zu machen. Und so gewinnen Proteste wieder verstärkt an Spannkraft.

Cristina Beretta: Wenn es einer Protestbewegung schon mal gelingt, eine breitere Masse darauf aufmerksam zu machen, dass soziale, politische oder ökonomische Verhältnisse keine unabänderlichen Größen, sondern menschliche Variablen sind, auf die man/frau Einfluss ausüben kann – dann ist sie erfolgreich. Der Rest ist Revolution und harte Arbeit.

 

Warum entstehen Proteste oder warum entstehen sie nicht?

 

Cristina Beretta: Dies hängt sicher von vielen Faktoren ab. Grundsätzlich entstehen Proteste, so scheint mir, aus einem Unbehagen sowie aus dem Bewusstsein, einen Einfluss auf die Ursachen dieses Unbehagens ausüben zu können.

Jacob Guggenheimer: Heute protestieren Menschen nicht unbedingt für die eigenen Anliegen, um etwa den eigenen Profit zu steigern, sondern für Anliegen anderer, weil sie gewisse Vorstellungen davon haben, wie Gesellschaft funktionieren soll. In Herrschaftssystemen die vorschreiben, wie Menschen zu leben haben – wie etwa im Iran – sind die Grenzen des Erlaubten ganz klar definiert. Dort ist es schon eine Form des Protests, wenn das Kopftuch abgenommen wird. Grenzen sind hier allgegenwärtig. Und erst im Konflikt mit diesen Grenzen entwickelt sich Widerstandskraft.

 

Welche Rolle spielt dabei der öffentliche Raum?

 

Jacob Guggenheimer: Eine sehr wichtige. Protest kann auf die physische Anwesenheit im öffentlichen Raum nicht verzichten. Öffentlich machen funktioniert nicht aus der völligen Anonymität heraus, ohne sich zugleich angreifbar zu machen.

Cristina Beretta: Ein Protest im intimen, verborgenen oder anonymen Raum kann höchstens der Beginn sein. Was den potenziell anonymen Internet-Raum angeht, so haben Protestierende auf dem Tahir-Platz betont, dass das bereits „heilig gesprochene“ Facebook wenig hätte bewegen können, wenn es keine funktionierenden, real existierenden Netzwerke bereits gegeben hätte.

 

Die Uni-Protestaktion „Uni brennt“ vor zwei Jahren ist uns noch gut in Erinnerung. Wie sehen Sie Proteste im universitären Kontext?

 

Cristina Beretta: Den Beginn eines jeden Protests im universitären Kontext sehe ich als Lehrende im alltäglichen Bestreben, kritisches Denken zu vermitteln, Gegebenheiten zu verstehen, Zusammenhänge herzustellen und Sachverhalte infrage zu stellen. Die Beteiligung an Entscheidungsprozessen, etwa in Gremien, gehört freilich auch dazu. Was die Studierenden angeht, so klagt man/frau in Klagenfurt gerne über deren Passivität. Dies greift jedoch offensichtlich zu kurz: Die ÖH führt immer wieder kleinere und größere Protestaktionen – etwa im Sommer gegen die Einstellung der Studiengänge MK und Angewandte KuWi – durch, die es zu unterstützen gilt. Noch eine Anmerkung: Wenn es an einer Universität Einstimmigkeit gibt, dann hat sie ihr Ziel verfehlt. Ich möchte hiermit beantragen, dass diese Zeitschrift umgetauft wird, etwa in „Dissonanzen“ oder „Polyphonie“.

Jacob Guggenheimer: Es spricht für die demokratische Qualität einer Universität, Spannungen auszuhalten. Verschiedene Standpunkte gehören einfach kommuniziert. Das Nebeneinander von Dynamiken und Interessen – im Gegensatz zur Harmonie – kann ungemein produktiv sein.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte für UNIsono Lydia Krömer.

 


Jacob Guggenheimer und Cristina Beretta


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