Seiteninhalt Hauptmenü Portalmenu Seitenmenü Schriftgröße ändern Breadcrump Index Suche
UNISONO

Sie sind hier:

Seite drucken

Schriftgröße ändern

Seiteninhalt

 

Im Portrait: O.Univ.-Prof. i.R. Dr. Peter Gstettner

Eine Überraschung: Peter Gstettner als bildender Künstler. Als er 1981 seine Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Klagenfurt (damals noch Universität für Bildungswissenschaften) antrat, war er mir bereits als Autor außergewöhnlicher wissenschaftlicher Abhandlungen, z. b. Beiträge zur damals in Österreich noch kaum rezipierten Aktionsforschung bekannt;  aber vor allem durch seine besonders originelle Habilitationsschrift, die unter dem Titel „Die Eroberung des Kindes durch die Wissenschaft. Aus der Geschichte der Disziplinierung“ 1981 im Rowohltverlag erschienen ist. Besondere Bedeutung hat dieses Werk vor allem auch deswegen, weil hier meines Wissens das erste Mal der Theorie- und Forschungsansatz des französischen Philosophen Michel Foucault zur Untersuchung der traditionellen einflussreichen entwicklungspsychologischen und pädagogischen Deutungsmuster verwendet wurde. Damit  konnte der damals höchst irritierende Nachweis erbracht werden, dass diese Deutungsmuster dem Kolonialismusdiskurs verhaftet sind, ja von diesem historisch (beginnend mit der Entdeckung der „Wilden“ durch Kolumbus) hergeleitet werden. Was auch auffiel, war die damals und zum Teil auch heute noch  unübliche Verwendung von vielen Bildern als Quellenmaterial in einem erziehungswissenschaftlichen Buch. Da Peter Gstettner als kritischer Sozialwissenschaftler, der auch durch sein soziales Engagement bekannt wurde, in diesem Zusammenhang  auch sehr belastende Situation ertragen musste und dabei eine bewundernswerte Standhaftigkeit zeigte, wohl den meisten bekannt ist, muss auf dieses Seite seines Wirkens nicht näher eingegangen werden. Nur soviel: sein Einsatz für die Minderheitenrechte hat ihm z. B. bei missgünstigen Kollegen den Ruf eines verhinderten Politikers eingebracht. Dabei ist er ein Musterbeispiel für eine gelungene Balance von „Distanzierung und Engagement“, wie sie der berühmte Soziologie Norbert Elias in seinem Buch gleichen Titels beschreibt, als Spannungsverhältnis menschlichen Verhaltens, das auch für den Bereich der Wissenschaft gelten sollte.  

 

Erst 1989 wurden mit einer Ausstellung seiner Bilder im schönen alten, leider nicht mehr existierenden Gasthaus Bierjokl/Pri Joklnu, der engere Kollegenkreis und eine breitere Öffentlichkeit mit der Staunen erregenden Tatsache konfrontiert, dass es nicht nur den Professor Gstettner gibt, sondern auch den Künstler. Ich sage bewusst Künstler und nicht Maler, damit nicht der Eindruck entsteht, sein künstlerisches Schaffen habe bloß den Stellenwert und die Qualität der üblichen Hobbymalerei.
Schon damals war zu erahnen, dass sein Schaffen als Künstler mehr ist als Ausgleich und Erholung, die eine Bezeichnung wie „Urlaubsbilder“ nahe legen könnte. Die Betrachter und BetrachterInnen seiner Bilder waren schon damals von deren Qualität sehr beeindruckt. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass das Expertenurteil damals noch unsicher war. Da in der gegenwärtigen Ausstellung die Bilder in chronologischer Folge zu sehen sind, können wir eine Entwicklung erkennen, die nun wohl auch Kunstexperten überzeugen wird. Würde sich Peter Gstettner auf den Kunstmarkt einlassen, sich der finanzielle  Erfolg bald einstellen würde. Daran ist er aber nicht, wohl auch wegen des heute damit verbundenen Marketingaufwandes, interessiert. So musste er zu seiner Ausstellung 1989 erst überredet werden und auch die darauf folgenden haben Seltenheitswert. Dass er seine Bilder auch zum Kauf anbietet bedeutet nicht, dass er damit für sich Geld verdienen will. Auch die jetzige Ausstellung dient einem wohltätigen Zweck. Der Erlös wird der chemotherapeutischen  Behandlung eines Kollegen  der Klagenfurter Partneruniversität Shkodra in Albanien zugute kommen.

 

In seinen „Anmerkungen zu den Aquarellen von Peter Gstettner“, erschienen 1989 im Märzheft der Klagenfurter Universitätszeitschrift „unisono“, gibt Christof Subik (Universitätsprofessor für Philosophie und bedeutender bildender Künstler), der Hoffnung Ausdruck, „dass die erste Ausstellung seiner Malerei Peter Gstettner dazu animieren möge, nicht nur zwischen und neben, sondern auch in Wissenschaft und staatsbürgerlichem, demokratischen Engagement mehr Platz einzuräumen.“ Was die Verbindung von Kunst und Wissenschaft betrifft, hat der Impuls von Christof Subik einige Jahre darauf Wirkung gezeigt. Dazu habe auch ich beigetragen, indem wir gemeinsam ein Seminar zum Thema „Bild und Bildung“ konzipiert und auch bis zur Pensionierung Peters auch einige Male mit unterschiedlichen Akzenten durchgeführt haben. Diese intensive gemeinsame Arbeit mit Bildern ist auch der Grund dafür, dass ich eingeladen wurde, heute als Einführungsredner aufzutreten. Das ehrt mich, weil er mich offensichtlich auch für geeignet hält, etwas Gescheites zu sagen.

 

Aber da beginnt das Problem für einen, der weder selbst malt noch Kunstwissenschaftler ist. Wird mir zu seinen Bildern auch etwas Gescheites einfallen? Sie haben ja schon gemerkt, dass dies bis jetzt noch nicht der Fall war. Ich habe also die Bilder betrachtet und gewartet. Eingefallen ist mir dazu viel, aber was davon ist auch mitteilenswert?  Ein Einfall betraf das Verhältnis von Bild und Abgebildetem im Allgemeinen und speziell bei den Bildern von Peter Gstettner. Das hätte eine Spur ergeben, die in recht akademische Gedankengänge gemündet wäre. Dann habe ich es mit einer Charakteristik der Bilder selbst, der Bilder als Wirklichkeit eigener Art versucht. Zugefallen ist dabei als Fundstück „strenge Heiterkeit“, ein objet trouvee, das nun selbst wieder interpretationsbedürftig ist.
Eine wäre: die gelungene Verbindung von betonter Bildkonstruktion (strenge) mit spielerischer Farbkomposition (Heiterkeit). Dabei ist nicht Realitätsnähe ausschlaggebend, sondern eine innere Stimmigkeit, die dem selbstkritischen Blick standhält. Haben die Bilder auch Ortsangaben, so ist kein Wiedererkennungseffekt intendiert, auch wenn wir z. B. sagen: aha, Venedig. Aber dies würde der Bildwirklichkeit  nicht gerecht werden, da wir dann zu schnell eine vor gefasste  Vorstellung hineinprojizieren. Da Venedigbilder besonders klischeegefährdet sind, ist es mutig, dass Peter Gstettner auch diesem Bildmotiv nicht aus dem Weg geht. Das Motiv kann hier leicht zum Klischee erstarren, wie ja bei den vielen üblichen Venedigbildern leicht festgestellt werden kann. Nimmt man aber „Motiv“ in seiner eigentlichen Wortbedeutung, so ist damit der Beweggrund gemeint. Dass etwas zum Motiv wird, setzt eine Empfänglichkeit dafür voraus, eine unauflösbare Verschränkung von Subjekt und Objekt, wie sie der Philosoph Maurice Merleau-Ponty in seinen Schriften, vor allem in seiner „Phänomenologie der Wahrnehmung“ und in das „Auge und der Geist“, inspiriert von der Malweise Paul Cézannes, beschrieben hat. Ein literarisches Gegenstück dazu ist übrigens Peter Handkes „Die Lehre der Sainte Victoire“. Wie dann das Gesehene ins Bild gebracht wird, entscheidet über seine Originalität. Um ihr als Betrachter und Betrachterin gerecht zu werden, bedarf es  einer Bereitschaft zur Entbildung, also einer Ausklammerung der schon bekannten Bilder, um sich dadurch einer ungewöhnlichen, verändernden  Sichtweise öffnen zu können. Es handelt sich hier um einen Bildungsvorgang, wie ihn der Mystiker Meister Eckhart, der im Übergang vom 13. zum 14. Jahrhundert lebte, verstand (und übrigens der Ketzerei verdächtigt wurde.) Diese Bedeutung von Bildung ist aber im Verlauf der Pädagogisierung verloren gegangen und sollte wieder aufgegriffen werden. In unserem Seminar „Bild und Bildung“ haben wir das ansatzweise mit mehr oder weniger Erfolg versucht.


Ein weiterer Einfall machte meine Absicht, über Peter Gstettners Bilder zu sinnvoll zu sprechen, zunichte. Es war die Erinnerung an die Ausführungen von Gilles Deleuze über seinen Freund Michel Foucault: das Sichtbare und das Sagbare sind zwei Dimensionen, zwischen welchen es keine Verbindung gibt. Von da war es nicht weit zu Ludwig Wittgensteins Schlusssatz im „Tractatus-logico-philosophicus“; „Wovon man nicht sprechen kann,  darüber muss man schweigen.“ Also was geht dann noch, wann das Sprechen über Bilder der Kunst am Ende als unsinnig erkannt wird?  Bleibt immerhin noch die Möglichkeit der Geste:  ich zeige auf bestimmte Bilder und mache sie auf etwas aufmerksam, z. B.  auf Bilder, die schiffartige  Strukturen sehen lassen. Wenn sie länger dort verweilen, werden sie eventuell eine Entdeckung machen.

 

Ich habe auch Peter Gstettner um eine Geste gebeten, die ihm zu seiner Art des Malens spontan einfällt. Er nahm ein Blatt Papier und ließ es elegant zu Boden gleiten.  Er betrachtete das Blatt konzentriert und umkreistes es schließlich langsam mit kritischem Blick. 


Schließlich fiel mir noch die einfache Frage ein: Warum „Urlaubsbilder“? Um eine einfache Antwort zu vermeiden, versuchte ich es mit der Etymologie von „Urlaub“, die aber nicht viel hergab. Das Wort ist mittelhochdeutschen Ursprungs mit der Bedeutung Erlaubnis. Heute ist damit die Erlaubnis gemeint, der Arbeit fernzubleiben, um sich zu erholen. Bedenkenswert und vielleicht ergiebiger ist die Formulierung eines Schriftstellers, dessen Geburtshaus nur wenige Gehminuten vom Ort der Ausstellung entfernt ist. Ich meine natürlich Robert Musil, der über seinen Romanhelden Ulrich im „Der Mann ohne Eigenschaften“ schreibt: „(…) beschloss er, sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben nehmen, um eine angemessene Anwendung seiner Fähigkeiten zu suchen.“ Ein merkwürdiger Satz fürwahr, dessen Bedeutung aus dem Kontext des Romans erschlossen werden kann. Urlaub vom Leben meint dann ein zeitweiliges Heraustreten aus der „vita activa“, d. h. den Verstrickungen in Beruf und Alltag und Hinwendung zu einer „vita contemplativa“ als Distanzierung, die eine ästhetische Welteinstellung ermöglicht. Dadurch erscheinen sonst nicht sichtbare Seiten der Wirklichkeit, die durch das Engagement des Künstlers in je individuell geprägten Formen die Wirklichkeit der Kunst hervorbringt und uns ein anderes Sehen, ein „sehendes Sehen“, wie es der Kunstwissenschaftler Max Imdahl bezeichnet, lehren kann  -  in einem  rational doch nicht ganz aufklärbaren Vorgang. Erfreulicherweise.                  


Von Erik Adam


Dr. Erik Adam ist Ao. Univ.-Prof. am Institut für Erziehungswissenschaften und Bildungsforschung, Abteilung für Historische und Systematische Pädagogik

http://www.uni-klu.ac.at/ifeb/ifeb_hvp/

 

 


zurück
 
 
 
© 2009 Alpen-Adria-Universität Klagenfurt | Impressum | Kontakt | Disclaimer
Rückmeldungen bitte an: UNISONO